Neuanfang mit 60+: Warum wir nicht besser werden müssen, sondern mutiger
Anfang Januar. Alles wie immer. Die Fitnessstudios sind voll, die Buchhandlungen stapeln Selbstoptimierungs-Ratgeber bis zur Decke, und irgendwo schwört gerade jemand, ab sofort jeden Tag zu meditieren, Sport zu machen und sich ausschließlich von Quinoa zu ernähren. Ich sitze mit meinem Kaffee am Fenster, schaue mir diesen Zirkus an und denke: Meine Güte, wir sind über 60 – müssen wir uns wirklich noch diesem Optimierungswahn unterwerfen?
Als hätten wir nicht schon genug gemeistert. Karrieren aufgebaut, Kinder großgezogen, Beziehungen geführt, Krisen überstanden. Aber nein, jetzt sollen wir uns auch noch neu erfinden, besser werden, produktiver sein – am besten bis Ende Januar, sonst war das Jahr umsonst.
Dabei ist es doch so: Mit 65 habe ich endlich die Freiheit, die Dinge anders anzugehen. Nicht besser, sondern ehrlicher. Nicht perfekter, sondern mutiger. Zeit also, diesem Selbstoptimierungswahn den Rücken zu kehren und einen Ansatz zu wählen, der wirklich zu uns passt.

Warum gute Vorsätze meistens Müll sind
Ich habe sie alle ausprobiert, diese ambitionierten Vorsätze. „Ab morgen jogge ich täglich!“ Drei Tage später tat mein Knie weh, die neuen Laufschuhe wanderten in die Ecke, und ich fühlte mich wie eine Versagerin. „Ich lerne Spanisch!“ Das Lehrbuch verstaubt neben dem ungelesenen Bestseller. „Nur noch gesund ernähren!“ Bis die Enkelin mit Schokolade kam und ich feststellte, dass ein Leben ohne kleine Sünden auch keine Lösung ist.
Das Problem mit den klassischen Vorsätzen? Sie sind von außen auferlegt. Von einer Gesellschaft, die uns einredet, wir seien nicht gut genug, wie wir sind. Zu dick, zu faltig, zu langsam, zu unproduktiv. Als wären wir reparaturbedürftige Maschinen, die man mal eben neu programmieren muss.
Aber hier ist die Wahrheit: Nach sechs Jahrzehnten auf diesem Planeten haben wir uns selbst ziemlich gut kennengelernt. Wir wissen, was funktioniert und was nicht. Wir haben genug Weisheit gesammelt, um zu erkennen, dass die großen Ankündigungen selten halten, was sie versprechen.
Und mit jedem gescheiterten Vorsatz wächst diese fiese innere Stimme: „Siehst du, in deinem Alter ändert man sich nicht mehr.“ Was natürlich kompletter Unsinn ist. Wir können uns immer verändern – nur sollten wir aufhören, es auf eine Weise zu versuchen, die uns schon die letzten Jahrzehnte nicht weitergeholfen hat.
Warum wir aufhören sollten, besser werden zu wollen
Hier ist eine ketzerische Idee: Vielleicht müssen wir gar nicht besser werden. Vielleicht sind wir schon gut genug.
Ich weiß, das klingt radikal in einer Welt, die uns permanent einredet, wir müssten uns optimieren. Schlanker werden, fitter werden, produktiver werden, jünger aussehen. Aber mal ehrlich: Wer hat eigentlich entschieden, dass unser aktuelles Ich nicht ausreicht?
Die Kosmetikindustrie? Die Fitnessgurus? Die Selbsthilfe-Autoren, die mit unseren Selbstzweifeln ihr Geld verdienen?
Mit 65 habe ich keine Lust mehr auf dieses Spiel. Ich werde keine Marathon-Läuferin mehr. Ich werde auch keine Zen-Meisterin, die jeden Morgen eine Stunde meditiert. Ich bin einfach ich – mit allen Ecken und Kanten, mit den guten Tagen und den schlechten, mit den Momenten der Klarheit und den Momenten der Überforderung.
Aber was ich werden kann: mutiger. Mutiger darin, zu mir zu stehen. Mutiger darin, Nein zu sagen zu dem, was andere von mir erwarten. Mutiger darin, mein Leben so zu gestalten, wie es mir guttut – nicht wie es Instagram, die Nachbarin oder irgendein Ratgeber für gut befindet.

Was passiert, wenn du aufhörst, dich zu optimieren – und anfängst zu leben
Vor zwei Jahren stand ich vor meinem Kleiderschrank. Chaos. Eigentlich wollte ich alles an einem Wochenende ausmisten, so wie in diesen Aufräum-Shows, wo Menschen ihr Leben in 48 Stunden umkrempeln.
Stattdessen nahm ich mir vor: Eine Schublade pro Tag. Mehr nicht.
Klingt lächerlich unambitioniert, oder? Eine Schublade? Das schafft man doch in fünf Minuten. Aber genau das war der Punkt. Es war so klein, dass ich keine Ausreden finden konnte. Kein „Heute hab ich keine Zeit“, kein „Morgen fange ich richtig an“. Eine Schublade passt immer.
Nach zwei Wochen war der Schrank ordentlicher als je zuvor. Ohne Stress, ohne Drama, ohne das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Einfach jeden Tag ein bisschen.
Da wurde mir klar: Vielleicht funktioniert das mit anderen Dingen auch so. Mit dem Spazierengehen. Mit dem Kontakt zu alten Freundinnen. Mit all den Projekten, für die ich „nie Zeit hatte“. Nicht als große Optimierungsprojekte mit Masterplan, sondern einfach als kleine Schritte ins Leben hinein.
Kleine Veränderungen werden zu Gewohnheiten
Ich gehe jetzt jeden Morgen raus, mindestens eine Viertelstunde. Manchmal trinke ich nur meinen Kaffee auf dem Balkon, manchmal gehe ich um den Block. Klingt nicht nach viel. Ist auch nicht viel. Aber nach ein paar Monaten hatte sich mein Schlaf verbessert, meine Laune sowieso, und ich hatte plötzlich Lust auf längere Spaziergänge. Nicht weil ich musste, sondern weil ich wollte.
Oder das mit den sozialen Kontakten. Ich nahm mir vor, jede Woche eine Person anzurufen. Donnerstags, während ich bügele oder Kaffee trinke. Manchmal sind es zehn Minuten, manchmal wird daraus ein spontanes Treffen. Aber ich warte nicht mehr darauf, dass andere den ersten Schritt machen.
Das Interessante: Je mehr ich diese kleinen Dinge tat, desto leichter wurden sie. Nicht weil ich disziplinierter wurde – ich bin immer noch dieselbe Person, die die Wäsche drei Tage im Korb liegen lässt. Sondern weil diese Dinge plötzlich zu meinem Leben gehörten. Ohne Zwang, ohne schlechtes Gewissen, ohne das Gefühl, mich optimieren zu müssen.
Warum Mut wichtiger ist als Perfektion
Hier ist, was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz der Angst zu tun, was dir wichtig ist.
Es braucht Mut, jeden Tag rauszugehen, auch wenn das Wetter mies ist und die Couch lockt. Es braucht Mut, alte Freundinnen anzurufen, auch wenn man sich jahrelang nicht gemeldet hat. Es braucht Mut, jeden Abend drei Dinge aufzuschreiben, für die man dankbar ist, auch wenn der Tag beschissen war.
Aber weißt du, was noch mehr Mut braucht? Zu akzeptieren, dass du gut genug bist, wie du bist. Dass du keine perfekte Version deiner selbst werden musst. Dass du dir die Erlaubnis geben darfst, einfach zu sein.
Unsere Gesellschaft liebt den Optimierungswahn. Sie erzählt uns, wir seien Projekte, an denen ständig gearbeitet werden muss. Besonders wir Frauen sollen gefälligst jung bleiben, schlank bleiben, produktiv bleiben – als wären wir Maschinen, die man einfach neu einstellen kann.
Aber nach 65 Jahren auf diesem Planeten darf ich dir sagen: Das ist Quatsch. Wir sind keine Projekte. Wir sind Menschen. Mit Falten, die von gelebtem Leben erzählen. Mit einem Körper, der vielleicht nicht mehr so funktioniert wie mit 30, aber der uns sechs Jahrzehnte getragen hat. Mit Erfahrungen, die uns geprägt haben – die guten und die schlechten.
Die kleinen Schritte – das tägliche Rausgehen, die Telefonate, die neuen Experimente, die Pausen – sind nicht dazu da, uns zu optimieren. Sie sind dazu da, uns zu erlauben, das Leben zu genießen. Jetzt. Nicht irgendwann, wenn wir endlich „besser“ sind. Sondern heute, genau so wie wir sind.
Ein Anfang (ohne Optimierungsdruck)
Neulich fragte mich eine Freundin: „Gabi, warum machst du das alles? Was willst du damit erreichen?“
Früher hätte ich vielleicht geantwortet: „Ich will fitter werden“ oder „Ich will disziplinierter sein“ oder irgendetwas anderes, das nach Selbstoptimierung klingt.
Heute sage ich: „Ich will morgen aufwachen und mich auf den Tag freuen. Nicht auf irgendeinen besonderen Tag mit großem Event. Einfach auf einen ganz normalen Tag. Und ich will das tun können, ohne das Gefühl zu haben, ich müsste erst noch besser werden.“
Das ist alles. Und das ist genug.
Wenn du also das nächste Mal denkst, du müsstest dein Leben umkrempeln, dir große Vorsätze setzen, endlich alles anders machen – dann erlaube dir, stattdessen klein anzufangen. Nicht um besser zu werden, sondern um mutiger zu werden. Mutiger darin, zu dir zu stehen.
Such dir eine Sache, nur eine, die dir gut tun würde. Etwas, das du in zehn bis fünfzehn Minuten täglich schaffen kannst, ohne das Gefühl zu haben, dich optimieren zu müssen. Vielleicht ist es ein Spaziergang. Vielleicht ein Anruf. Vielleicht zehn Minuten mit einem Buch. Vielleicht einfach nur eine Pause, in der du nichts tust außer zu existieren.
Was auch immer es ist: Es zählt. Nicht weil es dich besser macht, sondern weil es dich lebendiger macht.
Und wenn es nicht funktioniert? Dann probierst du etwas anderes. Ohne Drama, ohne Schuldgefühle, ohne das Gefühl, versagt zu haben. Wir sind alt genug, um zu wissen: Das Leben ist kein Sprint, sondern ein langer Spaziergang mit gelegentlichen Pausen.
Die Zukunft ist jetzt. Nicht wenn wir endlich perfekt sind. Sondern genau so, wie wir heute sind – mit allen Ecken und Kanten, mit allen Falten und allen gelebten Jahren.
Also, was wird dein erster kleiner Schritt sein? Nicht um besser zu werden. Sondern um mutiger zu leben.
Kennst du das auch und willst du wissen, wie es mir damit geht? Schau dir das Video auf YouTube an