Trauer braucht Raum, keine Perfektion – Wie wir lernen, mit Verlust natürlich umzugehen
Wenn selbst der Schmerz höflich verpackt werden muss
Der November riecht nach nassem Laub und Kerzenrauch. Es ist diese Zeit, in der alles ein bisschen stiller wird. Auf den Friedhöfen leuchten Kerzen, und irgendwo läuft „So nimm denn meine Hände“. Schon das erste Lied – und plötzlich ist man wieder mittendrin in all dem, was man dachte, längst hinter sich gelassen zu haben.
Mich beschäftigt schon länger, wie verkrampft wir mit Trauer umgehen. Diese Sätze, die niemand wirklich sagt, aber alle hören wollen. „Sehr geehrte Trauergemeinde“ – bei einer familiären Trauerfeier. Angehörige, die da sitzen und sich gegenseitig kennen. Es klingt, als müsste selbst der Schmerz noch höflich verpackt werden. Und wehe, jemand lächelt. Wehe, jemand wirkt gefasst.
Über praktische Dinge spricht man sowieso nicht, das ist pietätlos. Es gibt keinen normalen Alltag danach, zumindest nicht sofort. Lieber bleibt man im richtigen Ton, in gedämpfter Stimme, in der stillen Schwere.
Aber ehrlich: Genau das macht Trauer so anstrengend. Nicht der Verlust selbst, sondern dieses Gefühl, dass man ihn „richtig“ leben muss.

Sechs Wochen und ein Blick, der alles sagt
Ich erinnere mich an meine Oma. Sechs Wochen nach dem Tod meines Opas wollte sie auf den Dorfmarkt. Frische Luft, zwischen den Ständen bummeln, einfach raus. Und dann kam die Nachbarin mit diesem Blick, den wahrscheinlich jede Frau über 60 kennt. „Das habe ich mir gedacht, dass du auf den Markt gehen musst.“
Dieser eine Satz hat gereicht. Ich hab gesehen, wie meine Oma kleiner wurde. Wie sie sofort die Schultern hängen ließ. Dabei wollte sie doch nur wieder einen Moment lang normal leben.
Das unausgesprochene Drehbuch der Trauer
Wir sind so streng miteinander, wenn es um Trauer geht. Es gibt dieses unausgesprochene Drehbuch: erst weinen, dann stillhalten, irgendwann lächeln – aber bitte leise. Dabei läuft das Leben längst weiter. Nur wir versuchen, es festzuhalten, damit niemand denkt, wir wären zu schnell über etwas hinweg.
Es gibt so viel Unsicherheit, wie man sich richtig verhalten soll – und die Angst, dabei „falsch“ zu trauern. Wir übernehmen Rituale, die gar nicht zu uns passen. Schwarze Kleidung, ernste Gesichter, diese überladenen Trauerhallen mit Plastikblumen und grauem Marmor – manchmal sieht das eher nach Pflicht als nach Abschied aus.
Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn wir sagen würden: „Ich weiß nicht, wie ich das machen soll, aber ich mache es auf meine Weise.“
Wenn Erinnerung einfach vorbeikommt
Ich denke oft an die letzten Tage mit meinem Vater. Meine Mutter und ich waren jeden Tag im Krankenhaus, und irgendwann wussten wir, dass es zu Ende geht. Diese Mischung aus Erleichterung und Schmerz – sie lässt sich kaum beschreiben. Heute, Jahre später, kommt die Erinnerung manchmal einfach vorbei. Ohne Ankündigung, ohne Drama. Nur da, still, fast freundlich.

Trauer ist kein Projekt
Trauer ist kein Projekt. Kein Zustand, den man irgendwann abschließt. Sie verändert sich, so wie das Leben sich verändert.
Und vielleicht wäre vieles leichter, wenn wir aufhören würden, sie zu kontrollieren. Wenn wir einfach sagen könnten: Heute geht’s, morgen nicht. Heute weine ich, morgen lache ich. Beides gehört dazu.
Wenn Trauer warm und lebendig ist
Ich mag, wie andere Kulturen das machen. In Mexiko feiern sie ihre Toten mit Blumen, Musik und Essen. In Irland erzählt man bei der Totenwache Geschichten, trinkt Whiskey, lacht gemeinsam. Da ist Trauer nicht still und grau, sondern warm und lebendig. Eine Verbindung zwischen denen, die gehen, und denen, die bleiben.
Etwas löst sich – aber noch nicht ganz
Vielleicht brauchen wir keine völlig neuen Rituale – wir können auch die alten anders leben und neues zulassen. Die Bestattungskultur ist längst im Wandel. Es gibt persönlich gestaltete Trauerfeiern, Friedwälder, neue Formen der Beisetzung, besonders in Rheinland-Pfalz. Immer mehr Menschen wünschen sich etwas, das zu ihnen passt, das wärmer ist, ehrlicher, näher am Leben. Und doch spürt man: Das Alte ist noch da. Die gewohnten Abläufe, die starren Vorstellungen, die Angst, „was die Leute sagen“. Es ist, als würde sich etwas lösen – aber noch nicht ganz.
Trauer hat viele Gesichter
Der November bleibt dunkel, das lässt sich nicht ändern. Aber das Leben selbst muss nicht schwer bleiben. Wir dürfen traurig sein, ohne im Schmerz zu versinken. Wir dürfen erinnern, ohne zu erstarren. Und wir dürfen weitergehen, ohne etwas zu verraten.
Trauer hat viele Gesichter. Jedes ist richtig.
Und manchmal, wenn man gar nicht damit rechnet, lächelt sie zurück.
Deine Gabi
Ich habe dazu ein sehr persönliches Video gedreht. Du kannst es dir auf meinem Youtube-Kanal anschauen.