Leben genießen mit 60+: Warum „Savoir Vivre“ wichtiger ist als Angstmacherei
Im letzten Sommer auf dem Markt in Gruissan, Südfrankreich. Eine Frau, vielleicht Mitte sechzig, kauft Erdbeeren. Der Verkäufer fragt: „Pour aujourd’hui?“ – Für heute? Sie lacht: „Bien sûr! Je ne collectionne pas les fraises, je les savoure.“
– Natürlich! Ich sammle keine Erdbeeren. Ich genieße sie!
In Deutschland hätte sie vermutlich gesagt: „Ja, ich werde sie heute noch verbrauchen, bevor sie schlecht werden.“
Zwei Sätze. Gleiche Situation. Völlig unterschiedliche Haltung zum Leben.
Die eine sieht es praktisch. Die andere genießt mit allen Sinnen.
Ich pendle zwischen beiden Welten – Deutschland und Südfrankreich – und mir fällt immer wieder auf: Wir haben irgendwann angefangen, unser Leben zu verwalten statt zu leben. Besonders ab einem gewissen Alter. Wir planen unsere Lebenszeit, organisieren Gesundheitschecks, verwalten Erinnerungen.
Wann haben wir eigentlich aufgehört zu genießen?

Ist Genuss ein Luxus, den wir uns erst verdienen müssen
Ich sitze mit einer Freundin beim Kaffee. Sie erzählt von ihrem Enkelkind, von der neuen Waschmaschine, von den Blutwerten. Dann sagt sie: „Und nächstes Jahr, wenn mein Mann in Rente ist, dann machen wir vielleicht mal wieder eine richtige Reise.“
Nächstes Jahr.
Vielleicht.
Ich frage: „Warum nicht diesen Sommer?“ Sie schaut mich an, als hätte ich vorgeschlagen, den Hausstand aufzulösen und nach Bali auszuwandern. „Ach, das geht doch nicht. Wir müssen erst noch… und außerdem…“
Es folgt eine Liste. Gründe. Berechtigte Gründe, keine Frage. Aber unter all diesen Gründen höre ich etwas anderes. Ich höre: „Wir müssen auf den richtigen Zeitpunkt warten.“
Als gäbe es eine Prüfungskommission, die erst abnicken muss. Als müssten wir uns Genuss verdienen. Als wäre das Leben ein Projekt mit Meilensteinen, und erst wenn alle abgehakt sind, dürfen wir uns die Belohnung abholen.
Nur dass die Belohnung dann oft nicht mehr kommt. Weil die Knie nicht mehr mitspielen. Weil die Energie fehlt. Weil das Leben dazwischengekommen ist.
Ich sehe diese Sehnsucht bei so vielen Frauen. Diese innere Unruhe, die sagt: „Ich will nicht mehr warten.“ Gleichzeitig der Druck von außen: „Du musst noch. Du sollst noch. Du hast zu funktionieren.“
In Frankreich höre ich das nicht. Dort wird Genuss nicht aufgeschoben. Er ist keine Belohnung für geleistete Arbeit. Er ist Teil des Lebens. Der Espresso am Morgen ist kein Wachmacher, sondern ein Ritual. Das Mittagessen keine Nahrungsaufnahme, sondern eine bewusste Pause.
Das ist keine Frage von Geld. Das ist eine Frage der Haltung.
Savoir Vivre bedeutet wörtlich „wissen, wie man lebt“. Nicht „wissen, wie man das Alter durchsteht“. Es ist die Kunst, den Moment zu würdigen, ohne ständig auf ein „später“ zu schielen, das vielleicht nie kommt.

Warum warten wir auf Erlaubnis – und von wem eigentlich?
Ich glaube, es liegt an den Botschaften, die wir bekommen. An den widersprüchlichen Signalen, die uns die Gesellschaft sendet.
Jetzt wird es absurd.
Einerseits: Die Rente mit 67 reicht nicht. Wir sollen länger arbeiten. Länger leistungsfähig bleiben. Produktiv sein. Die Wirtschaft braucht uns. Wir sind wertvoll, solange wir funktionieren.
Andererseits: Ab wann geben wir den Führerschein ab? Wann sind wir zu alt für Verantwortung? Für Entscheidungen? Für Autonomie? Für Sichtbarkeit?
Die Botschaft ist klar: Wir sollen leisten, aber bitte unsichtbar. Beitragen, aber nicht auffallen. Funktionieren, aber klein bleiben.
Und zwischen diesen beiden Polen – „Du musst noch“ und „Du bist schon zu alt“ – sitzen wir fest. Wir wissen nicht mehr, was wir dürfen. Wann der richtige Moment ist. Ob wir uns das erlauben können.
Also warten wir. Auf die Rente. Auf den perfekten Zeitpunkt. Auf die Erlaubnis von außen.
Es gibt diese ungeschriebenen Regeln für Frauen ab einem bestimmten Alter. Zum Beispiel gibt es eine britische Studie, die hat 2.000 Frauen befragt, ab wann man „zu alt für lange Haare“ sei. Das Ergebnis? Mit 53 Jahren sollte Schluss sein. Schulterlange Haare? Ab zur Schere.
Mit 53.
Das ist eine „Regel“, die aus dem letzten Jahrhundert stammt. Ich habe noch meine Oma im Ohr. Sie hat sich immer über ihre älteste Schwester aufgeregt. „Von hinten sieht sie aus wie ein junges Mädchen, aber wehe wenn sie sich umdreht.“ Die Schwester hatte längere, blond gefärbte Haare.
Und die Meinung hält sich bis heute. Als gäbe es ein Verfallsdatum für Haare. Als müssten wir uns mit zunehmendem Alter buchstäblich zurückschneiden. Kleiner machen. Weniger werden.
Keine hohen Schuhe mehr. Kein roter Lippenstift. Keine spontanen Reisen. Keine lauten Meinungen. Und bitte, bitte – keine Sichtbarkeit. Aber möglichst bis 70 arbeiten und schon gar nicht in „Lifestyle-Teilzeit.“
Diese Botschaften sind subtil. Aber sie wirken. Sie sickern ein. Sie machen unsicher. Und irgendwann wird aus „Die sagen, ich bin zu alt“ ein leises „Vielleicht bin ich wirklich zu alt“.
Zu alt für lange Haare. Zu alt für spontane Entscheidungen. Zu alt für den guten Wein heute Abend statt nächstes Jahr.
Zu alt, um das Leben zu genießen, solange wir noch können.
Die Angstmacherei von außen wird zur Selbstzensur von innen. Wir warten auf eine Erlaubnis, die nie kommt. Wir schieben auf, obwohl die Zeit begrenzt ist. Wir sammeln Erdbeeren für später, obwohl wir sie heute essen könnten.

Was bedeutet „Savoir Vivre“, wenn die Welt uns klein halten will?
Savoir Vivre ist kein Instagram-Filter. Es ist keine Pose mit einem Glas Rosé auf einer Terrasse in der Provence.
Es ist eine Entscheidung.
Die Entscheidung, sich nicht kleinmachen zu lassen. Nicht von außen. Und – das ist der schwierigere Teil – nicht von innen.
Ein Beispiel. Ich habe eine Nachbarin in Deutschland. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Um sieben Uhr steht sie auf, macht Kaffee, räumt die Küche auf, erledigt Papierkram. Pflichtbewusstsein pur. Wenn ich sie frage, wie es ihr geht, sagt sie: „Gut. Ich hab viel zu tun.“
In Frankreich habe ich eine andere Nachbarin. Die sitzt morgens erst mal zwanzig Minuten auf ihrer Terrasse. Mit Kaffee. Mit Blick auf die Hügel. Sie tut nichts. Sie ist einfach da. Und wenn ich sie frage, wie es ihr geht, sagt sie: „Magnifique. J’ai le temps.“ – Großartig. Ich habe Zeit.
Zwei Welten.
Noch ein Beispiel. In Deutschland verabreden wir uns. „Nächste Woche, Donnerstag, 15 Uhr, Café Müller?“ Drei Wochen im Voraus geplant. Im Kalender eingetragen. Abgesprochen.
Hier in Frankreich gehe ich einfach runter ins Café. Mittags. Oder nachmittags. Ich schaue, wer da ist. Manchmal sitzt jemand, den ich kenne. Manchmal nicht. Es braucht keine Verabredung. Es braucht nur die Bereitschaft, präsent zu sein.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht.
Es ist der Unterschied zwischen Leben durchplanen und Leben gestalten. Zwischen organisieren und präsent sein. Zwischen Kontrolle und Vertrauen.
Savoir Vivre heißt nicht, faul zu sein. Es heißt, Prioritäten zu setzen. Und die Priorität lautet: Lebensqualität. Nicht Effizienz. Nicht Produktivität. Nicht das perfekt durchgetaktete Leben.
Es heißt auch, dass ich mir selbst wichtig genug bin. Dass ich nicht warte, bis alle anderen versorgt sind, bevor ich mich um mich kümmere. Dass ich mir den guten Wein nicht für „besondere Anlässe“ aufhebe, sondern dass ein Dienstagabend im März besonders genug ist.
Und ja, das ist für viele von uns schwer. Wir wurden anders erzogen. Wir haben gelernt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erst die Pflicht, dann – vielleicht – der Genuss.
Aber was, wenn wir das nicht mehr mitmachen? Was, wenn wir einfach aufhören, uns zu rechtfertigen?

Woher kommt die Idee, dass wir uns für unser Dasein rechtfertigen müssen?
Hier wird es unbequem. Denn die Wahrheit ist: Niemand verbietet uns, das Leben zu genießen. Niemand hält uns zurück. Außer wir selbst.
Wir haben eine innere Stimme. Die sagt: „Das kannst du doch nicht machen. Was sollen die Leute denken?“ Diese Stimme ist laut. Und sie ist hartnäckig.
Sie hält uns zurück, wenn wir etwas tun, was nicht „altersgerecht“ ist. Wenn wir unseren großen Urlaubstraum schon vor der Rente leben. Wenn wir etwas „Verrücktes“ tun, etwas das man in unserem Alter „eigentlich“ nicht mehr tun sollte.
Ich hab mir neulich einen roten Mantel gekauft. Knallrot. Nicht bordeaux, nicht weinrot. Rot.
Und dann stand ich vor dem Spiegel und dachte: „Kann ich das tragen? In meinem Alter?“
Moment mal. Wer hat mir eigentlich eingeredet, dass es ein „Alter für rote Mäntel“ gibt? Und warum stelle ich mir diese Frage überhaupt?
Ich trage den Mantel trotzdem. Aber ich hab gemerkt: Diese Stimme ist nicht nur außen. Sie ist auch in mir. Sie flüstert: „Vielleicht ist das wirklich zu viel. Vielleicht solltest du dich zurücknehmen.“
Was geht denn da in meinem Kopf vor?
Ich glaube, es hat mit Sichtbarkeit zu tun. Wir haben gelernt, uns unsichtbar zu machen. Besonders als Frauen. Besonders ab einem gewissen Alter. Nicht auffallen. Nicht zu laut. Nicht zu bunt. Nicht zu viel.
Und Genuss macht sichtbar. Genuss sagt: Ich bin hier. Ich bin wichtig. Ich nehme mir Raum.
Das macht Menschen manchmal unbequem. Auch uns selbst.
Aber weißt du was? Ich bin zu alt, um mich für meine Existenz zu entschuldigen. Ich bin zu erfahren, um mein Leben nach den Erwartungen anderer auszurichten. Und ich bin zu neugierig, um die nächsten Jahre nur durchzustehen.
Das bedeutet nicht, dass ich morgen alles hinwerfe und nach Tahiti auswandere. Es bedeutet: kleine Entscheidungen. Jeden Tag.
Der gute Teller, nicht nur für Gäste. Die halbe Stunde am Morgen für mich, bevor der Tag losgeht. Das „Nein“ zu Dingen, die mir keine Freude machen. Das „Ja“ zu Dingen, die mich lebendig fühlen lassen.
Das ist keine Rebellion. Das ist Selbstachtung. Ich habe mich übrigens gemeinsam mit meinem Mann dafür entschieden, einen Teil unseres Lebens in Südfrankreich zu verbringen.

Mein FAZIT
Ich sammle keine Erdbeeren für später. Ich esse sie heute.
Die Gesellschaft wird weiter ihre Widersprüche produzieren. Länger arbeiten, aber bitte leise. Produktiv sein, aber unsichtbar. Funktionieren, aber nicht auffallen.
Wir müssen da nicht mitmachen.
Die Frage ist nicht, ob wir uns Genuss leisten können. Die Frage ist, ob wir uns leisten können, weiter darauf zu warten, dass uns jemand die Erlaubnis gibt.
Spoiler: Die kommt nicht.
Vielleicht ist es Zeit, sie uns einfach selbst zu geben.
Was ist dein „Erdbeeren-Moment“? Was schiebst du auf – obwohl du es heute essen könntest?
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